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Geschichte Ungarns
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Die Geschichte Ungarns umfasst die Geschehnisse in der Pannonischen Tiefebene bis zur Landnahme Ende des 9. Jahrhunderts durch die Magyaren und deren Geschichte von der Herkunft ĂŒber das Königreich Ungarn bis zum heutigen Ungarn innerhalb der EuropĂ€ischen Union.
Nach Beendigung der Bedrohung Mittel- und Westeuropas durch die magyarischen Reiterarmeen nach der Schlacht auf dem Lechfeld kam es im Anschluss an die Christianisierung und GrĂŒndung des Königreichs Ungarn zur Konsolidierung und Sesshaftwerdung der nomadisierenden Magyaren in der pannonischen Tiefebene sĂŒdlich und westlich des Karpatenbogens. Im 12. Jahrhundert begann eine Personalunion mit Kroatien, auch Bosnien und die kleine Walachei waren lĂ€ngere Zeit unter ungarischer Herrschaft. Unter Matthias Corvinus erreichte Ungarn seine gröĂte Ausdehnung, Ostösterreich, MĂ€hren und Schlesien waren kurzzeitig ungarisch.
In der Schlacht von MohĂĄcs 1526 gegen die Osmanen verlor Ungarn durch den Tod König Ludwigs II. und eines groĂen Teils des Adels seine SelbstĂ€ndigkeit. Mehr als zwei Drittel des Landes wurden osmanisch, darunter SiebenbĂŒrgen als Vasall der Pforte. Das restliche Königliche Ungarn, bestehend aus einem schmalen Streifen im Westen, Oberungarn und dem Westen Kroatiens, fiel als Erbe an die Habsburger. Ungarn blieb lange Zeit Schlachtfeld zwischen dem Osmanischen Reich und der Habsburger Monarchie. Weite Landstriche wurden dadurch entvölkert, einige Gebiete sind spĂ€ter durch deutsche und serbische Siedler neu bevölkert worden.
Nach der Zweiten Wiener Belagerung durch die TĂŒrken 1683 gelang es der habsburgischen Armee mit deutscher und polnischer UnterstĂŒtzung das osmanische Ungarn zurĂŒckzuerobern. Gegen die habsburgische Herrschaft gab es immer wieder langwierige, letztlich erfolglose AufstĂ€nde wie die KuruzenaufstĂ€nde oder die Revolution von 1848/49. Durch die Ă€uĂere SchwĂ€che des Kaisertums Ăsterreich war Kaiser Franz Josef 1867 gezwungen, einen Ausgleich mit Ungarn einzugehen. Als Teil Ăsterreich-Ungarns erhielt das Land weitgehende SelbstĂ€ndigkeit, war jedoch ein Vielvölkerreich, da die Magyaren nur rund die HĂ€lfte der Bevölkerung ausmachten. Nach der Niederlage der Doppelmonarchie im Ersten Weltkrieg verlor Ungarn im Frieden von Trianon etwa zwei Drittel seines Territoriums und seiner Bevölkerung. Darunter waren auch drei Millionen Magyaren in SiebenbĂŒrgen, der SĂŒdslowakei und der Vojvodina.
Die Revision der Grenzen von Trianon wurde das bestimmende Element in der ungarischen Politik. Im BĂŒndnis mit dem nationalsozialistischen Deutschland wurden ungarisch besiedelte und weitere Gebiete in den Jahren 1938 bis 1941 wieder dem Staatsgebiet einverleibt. Als sich die deutsche Niederlage im Zweiten Weltkrieg abzeichnete, versuchte die Regierung auf die Seite der Alliierten zu wechseln, worauf die deutsche Armee die Kontrolle ĂŒbernahm und rund 500.000 ungarische Juden dem Holocaust zum Opfer fielen. Nach dem Einmarsch der Roten Armee fiel Ungarn der sowjetischen EinflusssphĂ€re zu und es wurde die Ungarische Volksrepublik ausgerufen, wieder in den Grenzen von Trianon. Nach der blutigen Niederschlagung des Volksaufstandes 1956 entstand im Land unter JĂĄnos KĂĄdĂĄr das System des so genannten Gulaschkommunismus. 1989 ging unter anderem von Ungarn der Fall des Eisernen Vorhangs und damit das Ende des Warschauer Paktes 1991 aus. Heute ist Ungarn Mitglied der EU und hat mit wirtschaftlichen und politischen Problemen zu kĂ€mpfen.
Contents
âą Landnahmezeit
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Karpatenbecken vor der Landnahme durch die Magyaren
Die Ă€ltesten archĂ€ologischen Funde bei Ausgrabungen im Karpatenbecken stammen aus der Altsteinzeit (dem PalĂ€olithikum). Einer der wichtigsten Fundorte wurde in dem Zusammenhang der Ort VĂ©rtesszĆlĆs, wo Geröllindustrien des Homo erectus entdeckt wurden. FĂŒr die Zeit bis zur frĂŒhen Eisenzeit gibt es bis heute kaum verlĂ€ssliche Hinweise und Funde, die auf die Bewohner des Karpatenbeckens hindeuten.
Die ersten schriftlichen Ăberlieferungen ĂŒber Völker, die auf dem Gebiet des heutigen Ungarns siedelten, sind frĂŒhestens aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. bekannt. Herodot â ein griechischer Historiker, Geograph und Völkerkundler â erwĂ€hnte in dieser Zeit erstmals Völker, die eine nordiranische Sprache sprachen und zur Gruppe der mit den Skythen verwandten Steppenvölkern gehörten. SpĂ€ter versuchten die Kelten, FuĂ im Karpatenbecken zu fassen, was ihnen auch bis zur zweiten HĂ€lfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. gelang. Vom Karpatenbecken aus unternahmen die Kelten von da an ihre weitlĂ€ufigen EroberungszĂŒge.
29 v. Chr. betraten erstmals römische Legionen das Karpatenbecken. Durch die folgenden Dakerkriege wurden groĂe Teile Pannoniens verwĂŒstet, und Rom eroberte weite Teile Illyriens bis zur Drau. Wenig spĂ€ter, im ersten Pannonischen Krieg von 12 bis 9 v. Chr., eroberten die BrĂŒder Tiberius und Drusus Pannonien vollends. Ausschlaggebend fĂŒr den Expansionsdrang des Römischen Reiches in Richtung Karpaten war einerseits die Notwendigkeit, die Grenzen des Reichs gegen die Daker und die Germanen zu sichern. Auf der anderen Seite waren es wirtschaftliche AbwĂ€gungen, da die Region Pannonien bekannt fĂŒr ihre Eisenproduktion und den Ertrag ihrer Landwirtschaft war. Jedoch gelang es Rom erst nach der Niederschlagung des Pannonischen Aufstandes durch Tiberius, Pannonien zu einer seiner Provinzen zu machen. Hauptstadt der neuen Provinz, die sich auf das heutige Gebiet Transdanubien sowie auf das Gebiet zwischen Drau und Save erstreckte, wurde die östlich von Wien gelegene Stadt Carnuntum. Bis 103/6 n. Chr. war Pannonien in zwei und spĂ€ter unter Diokletian in vier Provinzen geteilt. Pannonien genoss viele Vorteile durch die Eingliederung in das Römische Reich und in dessen Organisation. So wurden StĂ€dte wie Savaria (Szombathely), Sopianae (PĂ©cs) und Aquincum mit groĂ angelegten Bauwerken, mit Zentralheizung und Thermen sowie Amphitheatern ausgestattet. Im Zuge der EinfĂŒhrung des römischen Rechtssystems verbreitete sich auch das Schrifttum rasant, weil die öffentlichen Angelegenheiten von nun an auf der Grundlage schriftlich festgelegten Rechts abgewickelt wurden. Auch das Christentum hielt um 400 Einzug in Pannonien.
Das nĂ€chste gröĂere Ereignis im Karpatenbecken geschah in den 430er Jahren, als das Römische Reich die Herrschaft ĂŒber Pannonien an die Hunnen abtrat. Attila, König der Hunnen, verfolgte ehrgeizige PlĂ€ne, die er 451 durch die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern gegen das Römische Reich umzusetzen versuchte. Die Schlacht endete aber mit Attilas Niederlage, woraufhin sich die Hunnen zurĂŒckziehen mussten. Nach dem Tod Attilas 453 zerfiel das Hunnenreich rasch, zumal in Pannonien die Völker des Karpatenbeckens begannen, sich gegen die Hunnen aufzulehnen. Die Vorherrschaft ĂŒber das östliche Karpatenbecken ĂŒbernahmen ab diesem Zeitpunkt die Gepiden, ein germanischer Stamm, der 455 unter Ardarich in der Völkerschlacht am Fluss Nedoa die Hunnen besiegte und sie dadurch zwang, das Karpatenbecken zu verlassen. Das westliche Karpatenbecken wurde damals von den Ostgoten, spĂ€ter von den Langobarden beherrscht. Bald kam es jedoch zu Konflikten zwischen den im Osten lebenden Gepiden und den Langobarden, die von den Awaren ausgenutzt wurden, die sich in den 560er Jahren im gesamten Karpatenbecken ausbreiteten. Die Awaren waren ein zentralasiatisches Reitervolk, das ĂŒber die nĂ€chsten 200â250 Jahre von der Pannonischen Tiefebene aus EroberungszĂŒge gegen Mitteleuropa fĂŒhrte und in dieser Zeit einen wichtigen Machtfaktor zwischen dem Frankenreich und dem Byzantinischen Reich darstellte.
Weil es im Awarenreich öfter zu AufstĂ€nden der Slawen und der Bulgaren kam, die sich mit der Zeit von den Awaren lösen konnten, fiel es Karl dem GroĂen und dem bulgarischen Khan Krum leicht, die Awaren in ihren FeldzĂŒgen zwischen 791 und 803 vernichtend zu schlagen. Nachdem das Awarenreich untergegangen war, zogen vorwiegend Slawen in das Karpatenbecken und bildeten bis zur Landnahme der Ungarn dort die dominierende Ethnie.
Herkunft der Magyaren
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Hauptartikel
:
âGeschichteâ im Artikel Magyaren
Aufgrund der sprachlichen Verwandtschaft mit den obugrischen Sprachen ist davon auszugehen, dass die âUrheimatâ der Magyaren östlich des Uralgebirges gelegen hat.cite-ref-1[1]
In welcher Etappe der Migrationsbewegungen der (Proto-)Magyaren gen Westen die Ethnogenese, das heiĂt die Herausbildung einer eigenen ethnischen IdentitĂ€t, der Magyaren bzw. Ungarn stattfand, ist umstritten. Einige Autoren vertreten die These, dass sie etwa im 6. bis 7. Jahrhundert in einer Region stattfand, die spĂ€ter als Magna Hungaria bezeichnet wurde und östlich der Wolga, etwa im heutigen Baschkirien lokalisiert wird.cite-ref-2[2] Andere vertreten, dass sich die ethnische Einheit der Ungarn erst Mitte des 9. Jahrhunderts, in den Jahrzehnten vor der Landnahme im Pannonischen Becken, im âZwischenstromlandâ (ungarisch Etelköz; vermutlich zwischen Dnjepr und Dnister im SĂŒden der heutigen Ukraine) herausbildete. Dort habe sich das ugrische Element der Proto-Magyaren mit den turksprachigen Gruppen der Kawaren und Onoguren (von letzteren leitet sich auch die Fremdbezeichnung âUngarnâ ab) vermischt, wodurch die Ungarn entstanden seien.cite-ref-3[3] Eine Minderheit der Forscher nimmt an, dass die ReiterstĂ€mme, die Ende des 9. Jahrhunderts nach Pannonien eindrangen, gar keine Magyaren waren, sondern diese bereits zuvor, etwa seit dem 5. oder 6. Jahrhundert dort ansĂ€ssig gewesen seien. Die von GroĂfĂŒrst ĂrpĂĄd gefĂŒhrten âInvasorenâ hĂ€tten demnach nur eine kleine Minderheit gestellt und sich nach und nach an die vorgefundene Mehrheitsbevölkerung assimiliert. Dies wird jedoch von der Mehrheit der Forscher zurĂŒckgewiesen.cite-ref-4[4]cite-ref-5[5]cite-ref-6[6]
Von Bulgaren und Petschenegen angegriffen, flohen die Magyaren zwischen 894 und 897 aus Etelköz und erreichten das Karpatenbecken. Nach der Ăberquerung der Ostkarpaten lieĂen sie sich zunĂ€chst an der oberen TheiĂ nieder.cite-ref-7[7] Die Zahl der einwandernden Magyaren wird auf 400.000â500.000 geschĂ€tzt.cite-ref-8[8] Das Gebiet war bereits von rund 200.000 Angehörigen nicht-magyarischer Völkercite-ref-magyarn-prajzilexikon-9-0[9] (Slawen, (Proto-)Bulgaren, Moravljanen, möglicherweise Awaren und anderen) besiedelt. Diese flohen zum Teil, schlossen sich den Magyaren an oder wurden unterworfen.cite-ref-10[10] Der Begriff âLandnahmeâ weckt also falsche Assoziationen, da das Gebiet keineswegs unbesiedelt war.cite-ref-11[11]
Landnahmezeit
Gesellschaftsaufbau
Die magyarischen StĂ€mme waren vor der Landnahme in einem Stammesverbund organisiert. Dieser wurde durch DoppelfĂŒrsten (ĂŒbernommen von den Chasaren) gefĂŒhrt. Die beiden FĂŒrsten, der âkendeâ und der âgyulaâ, teilten sich dabei Regierungs- und MilitĂ€raufgaben. Dieses System löste sich allerdings im ersten Jahrzehnt des 10. Jahrhunderts kurz nach der Landnahme auf. HauptsĂ€chlicher Grund war der Tod des damaligen Gyula KurszĂĄn, den der Kende ĂrpĂĄd nutzte, um die Alleinherrschaft zu ĂŒbernehmen.
In der folgenden Zeit verĂ€nderte sich die Organisation der StĂ€mme, so dass die einzelnen in politischen Angelegenheiten mehr und mehr ihren eigenen Interessen folgten. Dies kann man daran erkennen, dass die StreifzĂŒge zu Beginn des 10. Jahrhunderts nicht gemeinsam unternommen wurden und die einzelnen StĂ€mme nach erfolglosen StreifzĂŒgen auch jeweils fĂŒr sich nach neuen Mitteln suchten, um ihre StreifzĂŒge effizienter zu gestalten. Auch die Reise eines FĂŒrsten des zur damaligen Zeit auf dem Gebiet des heutigen SiebenbĂŒrgen siedelnden Stammes nach Konstantinopel im Jahre 950 ist ein Beleg dafĂŒr, dass die StĂ€mme nun zunehmend auch in religiösen Angelegenheiten ihre eigenen Wege gingen. Unternommen hatte der FĂŒrst die Reise in die Hauptstadt des damaligen byzantinischen Reiches, um sich dort griechisch-orthodox taufen zu lassen und so seinen Stamm an die griechisch-orthodoxe Kirche und an das byzantinische Reich zu binden. DafĂŒr brachte er auch einen Missionsbischof aus Konstantinopel mit zurĂŒck in seine Heimat.
Auf der anderen Seite gab es die ĂrpĂĄden, welche die alleinige Herrschaft ĂŒber alle Ungarn beanspruchten. Diesen Anspruch konnten sie allerdings erst nach der verlorenen Schlacht auf dem Lechfeld 955 allmĂ€hlich durchsetzen, indem sie auf politischem Wege ihre Macht auch auf die anderen ungarischen StĂ€mme ausdehnten und so bis zum Ende des Jahrtausends weite Teile des westlichen Karpatenbeckens beherrschten. Nördlich ihres Herrschaftsgebietes befand sich der Einflussbereich der Kabaren. Im Osten wechselten die Herrscher immer wieder, da sich StĂ€mme zusammenschlossen und wieder trennten. All diese StĂ€mme waren in vier StĂ€nden Ă€hnlich organisiert:
âą Adel: Reiche, vornehme Familien und âSippenâ, die FĂŒhrungspositionen innehatten
âą BĂŒrger oder Mittelschicht: Im Dienst des Adels stehende Familien, teilweise wohlhabend
âą Unterschicht: Freie, die auch ĂŒber Gemeineigentum verfĂŒgten, kaum wohlhabend
âą Knechte: Unfreie, im Besitz des Adels
Die Grenzen zwischen den verschiedenen Schichten und Gruppen waren flieĂend, und sie verband ein kompliziertes GefĂŒge aus Pflichten und Rechten. Die Heirat war fĂŒr alle Gruppen von Bedeutung. Vor allem der Adel nutzte die Gelegenheit zu Machtausbau durch Hochzeiten, um lĂ€nger anhaltende âBĂŒndnisseâ mit anderen Familien und Sippen zu begrĂŒnden und zu festigen. Die Angehörigen der Mittelschicht waren als Bewaffnete oft fĂŒr den Schutz des Adels zustĂ€ndig. Dieser Dienst war freiwillig, allerdings bekam die Mittelschicht fĂŒr ihre Dienste Unterhalt und Unterkunft vom Adel. Die Unterschicht hatte die Last der Ausgaben des Adels zu tragen und leistete dies in Form von Naturalien und Arbeitsdienst ab. Arbeitsdienst leisteten vor allem die âGemeinenâ; sie waren zu verschiedenen Diensten gegenĂŒber ihren Herren verpflichtet. Obwohl diese unteren Schichten, genauso wie die Mittelschicht und der Adel, frei und dazu auch formell gleichberechtigt waren, gerieten sie immer mehr in AbhĂ€ngigkeit zum Adel; viele verloren ihre Freiheit und sanken in die Gruppe der Knechte ab. Zu dieser Gruppe gehörten auch die von StreifzĂŒgen mitgebrachten Gefangenen wie auch die im eroberten Karpatenbecken ansĂ€ssigen Slawen, von denen die Ungarn die Landwirtschaft lernten und etwa 1500 grundlegende Wörter aus dem Bereich der Staatsverwaltung (Komitat, König), Landwirtschaft (Kirsche), Religion (Priester, Engel), Handwerk (MĂŒller, Schmied) und andere (Mittwoch, Donnerstag, StraĂe, Fenster, Teller, Mittagessen, Abendessen) in ihre Sprache ĂŒbernahmen. Im SĂŒdosten der Pannonischen Tiefebene gab es vereinzelt noch Ăberreste der Awaren.
Auf politischer Ebene war es FĂŒrst GĂ©za, Urenkel ĂrpĂĄds, zu verdanken, dass sich nach der Schlacht auf dem Lechfeld die Beziehungen mit Deutschland wieder verbesserten und stabilisierten. Er war es auch, der erstmals christliche Missionare nach Ungarn holte, um sein Land nĂ€her an das christlich geprĂ€gte Europa anzubinden. Auch lieĂ er sich als erster ungarischer Herrscher im christlichen Glauben taufen. Gleichzeitig schwor er jedoch nicht vollstĂ€ndig dem heidnischen Glauben seiner Vorfahren ab. Er verfolgte eine Doppelstrategie: Zum einen bemĂŒhte er sich um Frieden mit dem christlichen Europa, vor allem mit dem damaligen westlichen Kaiserreich. Andererseits verleugnete er nicht seine Wurzeln. Am Ende seiner BemĂŒhungen stand schlieĂlich das Erbe fĂŒr seinen Sohn Vajk, welcher im christlichen Glauben auf den Namen Stephan I. (ungarisch: IstvĂĄn) getauft wurde und spĂ€ter die Herzogin Gisela von Bayern heiratete.
StreifzĂŒge, Landnahme und Aufbau eines Staates
In der romantisch geprĂ€gten ungarischen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts werden die StreifzĂŒge oft unrealistisch als groĂe Abenteuer (âkalandozĂĄsokâ) dargestellt. Noch bis heute wird kalandozĂĄsok mit den StreifzĂŒgen in Verbindung gebracht, die bis weit nach Mittel- und Westeuropa hinein reichten und mit denen die Ungarn damals sehr erfolgreich waren. Wenn man alle heute zur VerfĂŒgung stehenden Berichte betrachtet, kann man von mindestens 50 StreifzĂŒgen der ungarischen StĂ€mme in der Zeit von 900 bis 970 ausgehen. Die ersten StreifzĂŒge betrafen die Nachbargebiete im Westen der ungarischen Stammesgebiete.
Ab 862 tauchten die nomadisierenden Ungarn (Magyaren), die damals noch aus der Region hinter den Karpaten ihre sporadischen FeldzĂŒge im Westen unternahmen, zum ersten Mal im Karpatenbecken auf. Ein zweites Mal fielen sie 881 ein. In diesen beiden FeldzĂŒgen unterlagen sie dem Ostfrankenreich. 889 waren die Ungarn erfolgreicher, als sie MĂ€hren und Teile des OstfrĂ€nkischen Reiches plĂŒnderten. 892 wurden sie von den Ostfranken gegen MĂ€hren angeworben.
Die Ungarn lieĂen sich erst ab 895/896 im heutigen Ungarn nieder. Sie drangen zunĂ€chst 895 in das mittlere und obere TheiĂgebiet nach MĂ€hren vor. Nördlich und nordwestlich dieses Gebietes war das Gebiet des Neutraer FĂŒrstentums, das Teil von MĂ€hren war, westlich davon die ostfrĂ€nkischen HerzogtĂŒmer Bayern und Franken, die weiterer Expansion Einhalt boten. Auch archĂ€ologische Funde lassen die obere TheiĂgegend als anfĂ€ngliches fĂŒrstliches Siedlungsgebiet vermuten.
Um 900 zogen die Ungarn nach Transdanubien und brachten es unter ihre Herrschaft, wobei ihnen mehrere Ereignisse die Eroberung erleichterten. So starb 894 der mĂ€hrische FĂŒrst Svatopluk I. Die darauf folgenden Thronstreitigkeiten schwĂ€chten sein Reich zunehmend, so dass noch im selben Jahr MĂ€hren nach ungarischen PlĂŒnderungen das Gebiet Transdanubiens an das Ostfrankenreich verlor. Der ostfrĂ€nkische König Arnulf ging mit den Ungarn sogar 892 ein BĂŒndnis gegen die Langobarden unter Guido von Spoleto ein und schlug diese gemeinsam mit ihnen. Als kurze Zeit spĂ€ter auch König Arnulf starb, sahen die Ungarn den richtigen Zeitpunkt fĂŒr Gebietserweiterungen gekommen. Die Wahl der zu erobernden Gebiete folgte vor allem strategischen Gesichtspunkten, so dass sich die Ungarn hauptsĂ€chlich an GewĂ€ssern, FlusstĂ€lern oder von SĂŒmpfen geschĂŒtzten Gebieten niederlieĂen. Ein wichtiges Zentrum der ungarischen StĂ€mme befand sich einigen Chroniken zufolge zu dieser Zeit auf der Insel Csepel im mittleren Abschnitt der Donau (ungefĂ€hr bei der heutigen Stadt Budapest).
Mit den Schlachten von Pressburg 907 schlugen die Ungarn bayerische Truppen, eroberten bis 955 die östlichen Teile des heutigen Ăsterreichs und zerstörten die Zentralmacht des MĂ€hrerreiches. Um 925 eroberte eine Gruppe der ungarischen StĂ€mme unter der FĂŒhrung von LĂ©l die heutige SĂŒdwestslowakei (siehe Neutraer FĂŒrstentum).
In der zweiten HĂ€lfte des 10. Jahrhunderts bestanden die von Ungarn beherrschten Gebiete aus einer Reihe von ungarischen Stammesgebieten, von denen jenes der Hauptlinie der ĂrpĂĄden, also der Kern des spĂ€teren ungarischen Staates, nur im nördlichen Transdanubien lag. Seit etwa den 1070er Jahren war die Lage den vorhandenen Quellen zufolge so, dass den ĂrpĂĄden neben dem bereits genannten Gebiet noch die LehnfĂŒrstentĂŒmer von Neutra und von Bihar sowie das von Verwandten regierte SiebenbĂŒrgen indirekt unterstanden. Die restlichen Gebiete wurden von feindlich gesinnten ungarischen StammesfĂŒhrern beherrscht und erst spĂ€ter von König Stephan sukzessive erobert und geeint. Allerdings regierten die Ungarn kein ethnisch homogenes Land. Die unterworfenen slawischen und germanischen Völker im Land waren ein wesentlicher Bestandteil der ungarischen Heere und des Staatsapparates, was sich durch die zahllosen slawischen und deutschen Lehnworte im Ungarischen nachvollziehen lĂ€sst.
Die Verteidigung der ungarischen Gebiete musste sich hauptsĂ€chlich nach Osten und Norden richten, da die Magyaren ihre Angriffe und FeldzĂŒge stets nach Westen ausfĂŒhrten, oft als VerbĂŒndeter eines westlichen Staates. Im 10. Jahrhundert bestimmten diese FeldzĂŒge die gesamte ungarische AuĂenpolitik. Sie beschafften sich durch Raub- und BeutezĂŒge durch ganz Europa Luxusartikel und teure Waren â darunter auch Gefangene. Die Heere westlicher Staaten bestanden zur damaligen Zeit gröĂtenteils aus schwer gepanzerter Reiterei, wĂ€hrend die Reiter der Magyaren schnell und immer beweglich waren, ein Vorteil, der lange Zeit ihren Erfolg garantierte. Ihre Taktik war fĂŒr die damalige Zeit recht auĂergewöhnlich: Sie versuchten das Heer des Gegners einzukreisen und vom Pferd aus mit Pfeilen zu beschieĂen. Nach einer Zeit tĂ€uschten sie die Flucht an, um sich dann im Ăberraschungsmoment umzudrehen und den Gegner so in die Falle zu locken. Mit dieser Taktik gelang es ihnen viele, auch kulturell und technisch hoch entwickelte Regionen Europas zu plĂŒndern. Auch andere Faktoren begĂŒnstigten die Erfolge der Magyaren: Die zermĂŒrbenden Kriege der einzelnen europĂ€ischen Staaten untereinander, aber auch der von innen schwĂ€chelnde Feudalismus. In Ungarn bewirkten die StreifzĂŒge eine weitere Differenzierung der Bevölkerung. Die FĂŒhrungsschicht des Staates wurde immer vermögender, hauptsĂ€chlich durch Kriegsbeute wie Silber, Tiere und teure Stoffe, spĂ€ter auch durch Tributzahlungen.
Auch 933 wollten die Ungarn vom ostfrĂ€nkischen König Heinrich I. Tribut verlangen und zogen gegen das Ostfrankenreich in den Krieg. Heinrich rechnete aber mit einem Angriff und konnte eine starke Streitmacht aufbieten. In der Schlacht bei Riade wurden die Ungarn geschlagen. Der Glaube an die Unbesiegbarkeit der Ungarn war erschĂŒttert. Allerdings gingen die RaubzĂŒge der Ungarn weiter. Erst mit der vernichtenden Niederlage 955 bei der Schlacht auf dem Lechfeld nahe Augsburg wurde den Ungarn Einhalt geboten. Nach dieser Schlacht wurden drei ungarische FĂŒhrer (BulcsĂș, LĂ©l, SĂșr), die in Gefangenschaft geraten waren, gehĂ€ngt, Ăsterreich fiel wieder an die Ostfranken und das Neutraer FĂŒrstentum an die ĂrpĂĄden.
AuĂenpolitisch wurde infolge dieser Niederlage ein neuer Kurs eingeschlagen. Der neue GroĂfĂŒrst Taksony setzte den Angriffen im Westen ein Ende. Er war bereit, auch unter Inkaufnahme von Gebietsverlusten, den Frieden mit dem Ostfrankenreich aufrechtzuerhalten. In sĂŒdlicher Richtung gingen die Angriffe unterdessen aber weiter. So stellte Byzanz die Tributzahlung an Ungarn ein, so dass sich Taksony 959 fĂŒr einen Feldzug gegen Byzanz entschied, der erst 11 Jahre spĂ€ter entschieden wurde. Die Magyaren konnten, selbst im BĂŒndnis mit Petschenegen, Bulgaren und Russen, die entscheidende Schlacht von Arkadiopolis nicht fĂŒr sich entscheiden und mussten sich geschlagen geben. Damit war das Ende der StreifzĂŒge der Magyaren besiegelt, GroĂfĂŒrst GĂ©za (949â997), der den Thron von seinem Vater Taksony geerbt hatte, sah sich gezwungen, die Angriffe einzustellen, da ansonsten die GroĂmĂ€chte Europas Ungarn angegriffen hĂ€tten. Er musste sich auch Problemen im Inneren zuwenden. Die StreifzĂŒge als Einnahmequelle waren versiegt, weshalb andere Einnahmen erschlossen werden mussten. Die auĂen- und innenpolitische Lage machten eine StaatsgrĂŒndung immer dringlicher.
Géza und sein Sohn Vajk (Stephan I.) holten ostfrÀnkische Missionare und Ritter ins Land, auch Missionare aus Byzanz, und bauten eine Verwaltung auf. Mit dem gewachsenen Anhang schalteten sie innere Rivalen (Koppåny) aus, so dass sich Stephan I. im Winter 1000/1001 zum König krönen lassen konnte.
Königreich Ungarn
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Hauptartikel
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Königreich Ungarn
Mit der Herrschaft Stephans I. begann die Christianisierung des Landes. 1030 wehrte er den Angriff des römisch-deutschen Kaisers Konrad II. ab und sicherte so die Existenz seines Staates. Stephan I. wurde im Jahr 1089 heiliggesprochen. 1102 kam durch Personalunion das Königreich Kroatien zu Ungarn.
Ungarns Innenpolitik wurde in den folgenden Jahrhunderten vom Kampf zwischen dem König und dem Hochadel bestimmt, der im 13. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreichte. Die AuĂenpolitik Ungarns war von weitreichenden HeiratsbĂŒndnissen geprĂ€gt und bekam nach dem Machtverfall von Byzanz ab 1180 auf der Balkanhalbinsel den Charakter einer GroĂmachtpolitik.
Im Jahr 1241 verwĂŒsteten die Mongolen unter Batu Khan nach ihrem Sieg in der Schlacht bei Muhi das Land und töteten etwa die HĂ€lfte der Einwohner,cite-ref-12[12] so dass König BĂ©la IV. (1235â1270) wieder viele Einwanderer durch regional festgelegte Steuerprivilegien und das Recht interner Selbstverwaltung durch eigene Rechtstraditionen ins entvölkerte Land holen musste. Darunter waren viele deutschsprachige âSachsenâ, die hauptsĂ€chlich in SiebenbĂŒrgen (siehe SiebenbĂŒrger Sachsen) und in der heutigen Slowakei, Region Zips (Zipserdeutsch sprechende Zipser Sachsen), aber auch vor den Mongolen geflĂŒchtete Kumanen und Jassen. Nach dem Mongolensturm erweiterten die ungarischen Magnaten ihre Macht, die schlieĂlich zum Entstehen der Ungarischen KleinkönigtĂŒmer nach dem Tod von König Andreas III. im Jahre 1301 fĂŒhrte. In den 1320er-Jahren beendete König Karl I. Robert in einer Reihe von FeldzĂŒgen die Macht der Magnaten und stellte die Zentralmacht wieder her.
1396 verlor ein französisch-ungarisches Ritterheer unter König Sigismund die Schlacht von Nikopolis gegen die Osmanen. 1370â1386 und 1440â1444 wurde Ungarn mit Polen in Personalunion von den Anjou und Jagiellonen regiert. Auch 1444 gab es â unter dem HeerfĂŒhrer Johann Hunyadi â wieder eine schwere Niederlage, diesmal mit dem unierten Polen gegen das Osmanische Reich in der Schlacht bei Warna.
Gegen Ende des Mittelalters blĂŒhte Ungarn unter der Herrschaft des Luxemburgers Sigismund (König seit 1387) oder dem vom Kleinadel gewĂ€hlten Matthias Corvinus (1458â1490) auf. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts kam es zu Kriegen zwischen Matthias Corvinus und den Habsburgern. Nach Corvinusâ Tod wurde Ungarn von 1490 bis 1526 von den polnisch-litauischen Jagiellonen in Personalunion mit Böhmen regiert. Diese Personalunion endete 1526 mit dem Tod Ludwigs II. in der Schlacht bei MohĂĄcs. In der Folge wurde ein groĂer Teil Ungarns von den Osmanen unter Sultan SĂŒleyman dem PrĂ€chtigen erobert.
TĂŒrkenkriege â Ungarn âdreigeteiltâ
Entscheidend fĂŒr das weitere Schicksal Ungarns in den nĂ€chsten 150 Jahren wurde die Doppelwahl von 1526 nach dem Tod Ludwigs II. Der ĂŒberwiegende Teil der ungarischen StĂ€nde wĂ€hlte in Tokaj und wenig spĂ€ter in der alten ungarischen Krönungsstadt StuhlweiĂenburg FĂŒrst Johann ZĂĄpolya zum ungarischen König. Doch auch der Habsburger Erzherzog Ferdinand von Ăsterreich, dem nach der gegenseitigen Erbvereinbarung von 1515 die Nachfolge im Königreich Ungarn zugestanden hĂ€tte, lieĂ sich von einer Versammlung vor allem west- und oberungarischer Adliger noch im Jahr 1526 in Pressburg zum König von Ungarn wĂ€hlen. Damals wurde eine sehr genaue Landkarte Ungarns gedruckt, nĂ€mlich die Tabula Hungarie (1528), entworfen von Lazarus Secretarius und dessen Lehrer Georg Tannstetter.
Im folgenden BĂŒrgerkrieg (1527â1538) gegen Johann ZĂĄpolya erwiesen sich die Truppen Ferdinands zunĂ€chst als ĂŒberlegen und konnten die wichtigsten StĂ€dte West- und Zentralungarns besetzen, ZĂĄpolya sah sich auf seine Basis SiebenbĂŒrgen zurĂŒckgeworfen. Dennoch erkannte Ferdinand im Frieden von GroĂwardein 1538 (auch angesichts der drohenden TĂŒrkengefahr) ZĂĄpolya als König von Ungarn an, lieĂ sich allerdings fĂŒr den Fall von dessen Tod das Recht auf die Nachfolge zusichern. Allerdings Ă€nderte ZĂĄpolya seine Meinung, nachdem ihm aus seiner 1539 geschlossenen Ehe mit Isabella von Polen der Sohn und Nachfolger Johann Sigismund geboren wurde, dem er im Jahre 1540 das Königreich vermachte. Der Tod Johann ZĂĄpolyas und die UnmĂŒndigkeit seines Sohnes riefen nun die Osmanen auf den Plan, die 1541 Buda-Ofen eroberten und bis 1543 mit Gran, StuhlweiĂenburg und FĂŒnfkirchen die wichtigsten StĂ€dte Zentralungarns besetzen konnten.
Nach ZĂĄpolyas Tod im Jahre 1540 wurde fĂŒr fast 150 Jahre die Dreiteilung des Königreichs Ungarn zementiert: Die Gebiete, die weiterhin von den Habsburgern beherrscht wurden â das heutige Burgenland, die heutige Slowakei, West-Kroatien sowie Teile des heutigen Nordwest- und Nordostungarns â wurden unter der Bezeichnung Königliches Ungarn faktisch zu einer Provinz der Herrscher in Wien, die fortan mit den TĂŒrken um den Besitz des Landes konkurrierten. Formal wurden die Habsburger weiterhin als ungarische Könige gekrönt, allerdings vorerst in Konkurrenz zu Johann Sigismund ZĂĄpolya, der bis zu seiner Abdankung 1570 in SiebenbĂŒrgen als Gegenkönig residierte. Hauptstadt des Königlichen Ungarns wurde Pressburg. Von den restlichen ehemaligen Gebieten wurde das FĂŒrstentum SiebenbĂŒrgen ein tĂŒrkischer Vasallenstaat, das es allerdings unter seinen ehrgeizigen FĂŒrsten (hĂ€ufig aus dem Haus BĂĄthory) verstand, eine geschickte Schaukelpolitik zwischen der tĂŒrkischen Oberherrschaft und den habsburgischen AnsprĂŒchen auf Ungarn zu betreiben und somit das militĂ€rische Patt zu seinen Gunsten zu nutzen. Zentralungarn â d. i. der gröĂte Teil des heutigen Ungarn â wurde ein Teil des Osmanischen Reiches.
Stellten die Magyaren vor 1526 noch 80 % der Bevölkerung von 3,5 bis 4 Millionen, so ging ihr Anteil durch die stĂ€ndigen Kriege und VerwĂŒstungen, auf die mit Neuansiedlungen reagiert wurde, stark zurĂŒck. Um 1600 schĂ€tzte man die Gesamtbevölkerung auf etwa 2,5 Millionen, nach dem RĂŒckzug der TĂŒrken auf rund 4 Millionen.cite-ref-16[16]
Das Ende der tĂŒrkischen Herrschaft in Ungarn und damit zugleich das Ende der SelbstĂ€ndigkeit SiebenbĂŒrgens kam kurz nach der gescheiterten Belagerung Wiens 1683 durch die TĂŒrken. Noch im gleichen Jahr gelang den Habsburgern die Eroberung Grans, und nach Einnahme von Buda und Ofen 1686 und dem Sieg ĂŒber ein osmanisches Heer 1687 in der Schlacht am Berg HarsĂĄny (auch bekannt als zweite Schlacht bei MohĂĄcs) und der folgenden Besetzung weiter Teile Ungarns und SiebenbĂŒrgens erkannten die ungarischen StĂ€nde noch im gleichen Jahr den neunjĂ€hrigen Erzherzog Joseph, den Sohn Leopolds I., noch zu dessen Lebzeiten als erblichen König von Ungarn an. Die Krönung am 9. Dezember 1687 in Pressburg bedeutete einen âwesentlichen Schritt zur Verbindung Ungarns mit dem vom Kaiser als Landesherr regierten österreichisch-böhmischen LĂ€nderkonglomerat und zum inneren Aufbau der GroĂmacht Ăsterreichâ.cite-ref-17[17] Im Frieden von Karlowitz 1699 musste das Osmanische Reich endgĂŒltig den Verlust Ungarns anerkennen.
Siehe auch
:
Slowakei in der frĂŒhen Neuzeit
und
GroĂer TĂŒrkenkrieg
Vom Kuruzenaufstand bis zum Ausgleich mit Ăsterreich
Die Ungarn missbilligten aber die absolutistische Herrschaft der Habsburger, so dass es 1703â1711 zum Kuruzenaufstand unter FĂŒrst RĂĄkĂłczi kam. Nach dessen Niederlage wurden 1711 im Frieden von SzatmĂĄr die traditionellen Freiheiten der Adeligen im Königreich Ungarn erneuert und die Habsburger als Könige Ungarns wieder anerkannt. Dieser Frieden und die anschlieĂenden Landtagssitzungen in Pressburg von 1712 und 1714 beendeten den Aufstand.
Unter der Herrschaft von Maria Theresia kam es im Königreich Ungarn erneut zu Ansiedlungen Deutscher, etwa der Donauschwaben. WĂ€hrend der Napoleonischen Kriege war das österreichisch-ungarische VerhĂ€ltnis weitgehend spannungsfrei. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entwickelte sich jedoch dann eine starke liberale und nationale Bewegung in Ungarn. 1825 ersetzte das Ungarische die lateinische Sprache als Staatssprache. 1848/49 kam es zur Revolution von 1848/49 im Kaisertum Ăsterreich|Revolution gegen die Habsburger unter FĂŒhrung von Lajos Kossuth, in deren Verlauf am 14. April 1849 in der GroĂen Reformierten Kirche von Debrecen der ungarische Reichstag zusammentrat und Lajos Kossuth die Entthronung des Hauses Habsburg und die UnabhĂ€ngigkeit Ungarns verkĂŒndete. Nach der blutigen Niederschlagung des ungarischen Freiheitskampfes bis August 1849, mit russischer UnterstĂŒtzung, und einer Phase der UnterdrĂŒckung (Hinrichtung des ungarischen MinisterprĂ€sidenten BatthyĂĄny sowie 13 weiterer RevolutionsfĂŒhrer am 6. Oktober 1849) kam es 1867 unter Kaiser Franz Joseph I. zum Ausgleich Ăsterreichs mit Ungarn, um den Vielvölkerstaat auf eine breitere Basis zu stellen.
Teil Ăsterreich-Ungarns
Der Ausgleich vollzog sich auf ungarischer Seite unter der Mitwirkung Ferenc DeĂĄks (âDer Weise der Heimatâ). Ungarn war nun bis 1918 zweiter Hauptbestandteil der k.u.k. Doppelmonarchie Ăsterreich-Ungarn. Die aus DeĂĄks politischem Lager entstandene liberale Partei bestimmte in den folgenden Jahrzehnten die ungarische Politik. Die Regierung in Ungarn handelte 1868 den Ungarisch-Kroatischen Ausgleich aus, der die Autonomie des Königreichs Kroatien innerhalb des ungarischen Reichsteils der k.u.k. Doppelmonarchie regelte. Ab 1879 fĂŒhrte die zunehmende Magyarisierungspolitik im ungarischen Reichsteil aber zu erheblichen Spannungen mit anderen Volksgruppen.
KĂĄlmĂĄn Tisza fĂŒhrte als MinisterprĂ€sident (1875â1890) umfangreiche Reformen zur Modernisierung des Landes im Bereich Wirtschaft, Justiz, Sozialwesen und Politik durch. Mit Finanzminister SĂĄndor Wekerle konnte er einen Staatsbankrott abwenden. Durch eine Steuerreform, die auch den groĂen Landbesitz einschloss, wurden die Staatseinnahmen vervielfacht.cite-ref-18[18] Seine Regierung vergröĂerte auĂerdem die UnabhĂ€ngigkeit gegenĂŒber dem österreichischen Reichsteil Cisleithanien, auch der ungarische Einfluss auf die gemeinsame AuĂenpolitik der Monarchie nahm stark zu. Die beachtlichen wirtschaftlichen Erfolge wĂ€hrend Tiszas Regierungszeit âbegrĂŒndeten das Prestige des Landes und modifizierten das SelbstverstĂ€ndnis der ungarischen Politikâ.cite-ref-19[19]
Die lange Regierungsperiode Tiszas vermittelte den Eindruck groĂer StabilitĂ€t, vor allem verglichen mit dem österreichischen Teil der Doppelmonarchie, wo sich in dieser Zeit elf Regierungen ablösten. Die soziale Entwicklung konnte jedoch nicht mit der relativ konstanten wirtschaftlichen Entwicklung des Landes Schritt halten. Unruhen und wachsender Antisemitismus waren die Folge.cite-ref-20[20]
Unter der Regierung Tisza begann die Politik der Magyarisierung Ungarns, die nichtmagyarische Bevölkerung sollte durch mehr oder weniger sanften Druck die magyarische Sprache und NationalitĂ€t annehmen.cite-ref-21[21] Zwischen 1880 und 1910 stieg der Prozentsatz der sich als Magyaren bekennenden BĂŒrger Ungarns (ohne Kroatien) von 45 auf ĂŒber 54 Prozent.cite-ref-22[22]
MinisterprĂ€sident DezsĆ BĂĄnffy (1895â1899) institutionalisierte und bĂŒrokratisierte die NationalitĂ€tenpolitik, verbunden mit Repressalien fĂŒr die Minderheiten im Königreich.cite-ref-23[23] BĂĄnffy erhob dabei die Idee des ungarischen Nationalstaates zum Regierungsprogramm: âDer Nationalstaat sollte unter anderem durch Magyarisierung von Ortsnamen, Familiennamen und durch intensiven Sprachunterricht verwirklicht werdenâ.cite-ref-24[24] Der Sprachenstreit mit den Minderheiten war fĂŒr ihn nur vorgeschoben: âDie Frage der Sprache ist nur ein Mittel, das eigentliche Ziel ist, eine föderalistische Politik in Ungarn einzufĂŒhrenâ.cite-ref-25[25] Der Dualismus war keineswegs ein stabiler politischer Zustand, es kam hĂ€ufig zu Konflikten mit Wien, wie in der Ungarischen Krise 1905/06 oder bei den turnusmĂ€Ăigen (Finanz-)Ausgleichsverhandlungen. Die Budapester Millenniumsausstellung 1896 zog ĂŒber fĂŒnf Millionen Besucher an.
KĂĄlmĂĄns Sohn IstvĂĄn Tisza fĂŒhrte Ungarn in den Ersten Weltkrieg. In ihm stellte Ungarn fast 4 Millionen Soldaten und hatte 600.000 Tote sowie 700.000 Gefangene zu beklagen. Unter MinisterprĂ€sident Tisza und Stephan BuriĂĄn, der im Ministerrat fĂŒr gemeinsame Angelegenheiten in Wien abwechselnd k.u.k. Reichsfinanzminister und k.u.k. AuĂenminister war, erreichte Ungarn so groĂen Einfluss auf die AuĂenpolitik Ăsterreich-Ungarns wie nie zuvor. Der Einfluss Ungarns in Europa war dadurch so groĂ wie zuletzt am Ende des Mittelalters.cite-ref-26[26]
Zwischenkriegszeit und Zweiter Weltkrieg (1918â1945)
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Hauptartikel
:
Ungarn im Zweiten Weltkrieg
Nach der Niederlage 1918 wurde Ungarn wieder als gĂ€nzlich unabhĂ€ngiger Staat errichtet, zunĂ€chst als demokratische Republik unter MihĂĄly KĂĄrolyi (Ungarischer Nationalrat â Volksrepublik Ungarn). Nach der friedlichen BĂŒrgerrevolution (Asternrevolution Ende Oktober 1918) setzte die Regierung der neuen Republik das Volksgesetz Nummer 1 in Kraft. Es garantierte zum ersten Mal in der ungarischen Geschichte ein gleiches Wahlrecht fĂŒr beide Geschlechter und wurde ĂŒber Parteilisten ausgeĂŒbt.cite-ref-csilla428429-27-0[27] Es fanden aber keine Wahlen auf dieser Basis statt.cite-ref-csilla428429-27-1[27] Der konservative FlĂŒgel der nationalistischen Bewegung stĂŒrzte den MinisterprĂ€sidenten MihĂĄly KĂĄrolyi in einer Gegenrevolution, und das Frauenwahlrecht wurde wieder abgeschafft.cite-ref-hanam123-28-0[28]
Am 21. MĂ€rz 1919 errichtete BĂ©la Kun die Ungarische RĂ€terepublik. Diese ging nach der Niederlage im Krieg gegen RumĂ€nien aber unter. Das nachrevolutionĂ€re Wahlgesetz vom November 1919, das in der Regierungsverordnung 5985/1919/ME enthalten war, garantierte wieder ein stufenweise ausgeweitetes Wahlrecht.cite-ref-csilla428429-27-2[27] Dennoch war die Parlamentswahl am 25. und 26. Januar 1920 erschĂŒttert von EinschĂŒchterung und Korruption.cite-ref-csilla428429-27-3[27] Frauen und MĂ€nner ĂŒber 24 hatten das Wahlrecht, wenn sie seit sechs Jahren die ungarische Staatsangehörigkeit hatten und schon mindestens sechs Monate in Ungarn wohnten.cite-ref-csilla428429-27-4[27] Das Wahlrecht der Frauen war auf die Frauen beschrĂ€nkt, die lesen und schreiben konnten.cite-ref-csilla428429-27-5[27] MĂ€nner waren von der AltersbeschrĂ€nkung ausgenommen, wenn sie mindestens zwölf Wochen MilitĂ€rdienst an der Front geleistet hatten.cite-ref-csilla428429-27-6[27] 1922 folgte ein RĂŒckschlag: Eine Wahlrechtsreform erhöhte das Wahlalter fĂŒr Frauen auf 30.cite-ref-csilla428429-27-7[27] Auch wurde eine bestimmte Schulbildung zur Voraussetzung:cite-ref-csilla428429-27-8[27] Vier Jahre Grundschule fĂŒr MĂ€nner und sechs fĂŒr Frauen (vier, wenn sie mindestens drei Kinder hatten oder ihr eigenes Einkommen hatten und HaushaltsvorstĂ€nde waren).cite-ref-csilla428429-27-9[27]
Ungarn wurde unter dem Horthy-Regime zu einem autoritĂ€r gefĂŒhrten, konservativen Staat. Horthy wurde am 1. MĂ€rz 1920 vom Parlament zum Reichsverweser gewĂ€hlt und regierte Ungarn bis 1944 autoratisch. Der ehemalige König Karl IV. versuchte 1921 zweimal erfolglos, die Herrschaft wieder zu ĂŒbernehmen.
Ungarn verlor 1920 durch den Vertrag von Trianon zwei Drittel seines Staatsgebietes: das Burgenland, Kroatien und Slawonien, die Slowakei, SiebenbĂŒrgen, die Karpatenukraine, das Banat und die Vojvodina. Es schrumpfte von 279.090 kmÂČ um 186.060 kmÂČ auf 93.030 kmÂČ. 63 Prozent der einstigen LĂ€nder der heiligen Stephanskrone befanden sich nach diesem Vertrag auĂerhalb der neuen Grenzen, darunter knapp 30 Prozent der Ungarn. Es verlor fast alle Gebiete mit Rohstoffvorkommen. Ungarn wurde als Nachfolgestaat der k.u.k. Monarchie wie Ăsterreich zu Reparationszahlungen verpflichtet; diese sollten 33 Jahre lang abbezahlt werden. Die Königlich Ungarische Armee wurde auf 32.000 Mann reduziert.
Durch revisionistische Propaganda nĂ€herte sich Ungarn immer mehr der FĂŒhrung des NS-Staates an. Ungarn und Nazi-Deutschland schlossen am 21. Februar 1934 ein Wirtschaftsabkommencite-ref-29[29] und am 28. Mai 1936 ein Abkommen ĂŒber die geistige und kulturelle Zusammenarbeitcite-ref-30[30]. Am 17. MĂ€rz 1934 unterzeichneten Ungarn, Italien und Ăsterreich die Römer Protokolle; daraus ging ein Wirtschaftsblock zwischen diesen LĂ€ndern hervor.cite-ref-31[31]
Im Mai 1938 (verschĂ€rft im Mai 1939) und 1941 folgten antijĂŒdische Diskriminierungsgesetze.cite-ref-32[32]
Im MĂ€rz 1939 besetzten ungarische Truppen im Zuge der Zerschlagung der Rest-Tschechei die Karpatenukraine. Zuvor â im Ersten Wiener Schiedsspruch (2. November 1938) â hatte Ungarn bereits ein Gebiet mit ĂŒber 1 Million Einwohnern erhalten. Ungarn schloss sich im Februar 1939 dem Antikominternpakt und im September 1940 dem DreimĂ€chtepakt an. Im April 1941 unterstĂŒtzte es das Deutsche Reich beim Balkanfeldzug (1941)#Zerschlagung Jugoslawiens gegen Jugoslawien und nahm nach seiner KriegserklĂ€rung vom 27. Juni 1941 am Krieg gegen die Sowjetunion 1941â1945 teil. Mit dieser Politik gewann es die Karpatenukraine und den nördlichen Teil SiebenbĂŒrgens zurĂŒck. Im ungarisch-rumĂ€nischen Gegensatz in der Frage SiebenbĂŒrgens lieĂ Hitler jedoch Sympathien fĂŒr RumĂ€nien erkennen, auf dessen Erdölvorkommen das Deutsche Reich angewiesen war. Im Januar 1943 wurde die ungarische 2. Armee mit 200.000 Mann in der Woronesch-Charkiwer Operation von der Roten Armee eingekesselt und gröĂtenteils vernichtet. Es war eine ZĂ€sur, die der Regierung von MiklĂłs KĂĄllay klarmachte, dass es besser sei, sich auf die Seite der Alliierten zu stellen.
Im August 1943 nahmen Teile der ungarischen Regierung ersten Kontakt mit den Alliierten auf, woraufhin das Land ab 19. MĂ€rz 1944 von deutschen Truppen besetzt wurde (âFall Margaretheâ). Am 23. MĂ€rz 1944 wurde eine neue Regierung unter MinisterprĂ€sident Döme SztĂłjay gebildet. Innerhalb kĂŒrzester Zeit wurden mit Hilfe von 107 Gesetzen die Juden vollstĂ€ndig entrechtet. AnschlieĂend begann unter der Leitung von Adolf Eichmann am 27. April 1944 die massenhafte Deportation der Juden aus der ungarischen Provinz in die Vernichtungslager. Nach auslĂ€ndischen Protesten wurde der Abtransport der letzten rund 200.000 Budapester Juden erst Anfang Juli 1944 von Horthy unterbunden und am 9. Juli vorlĂ€ufig eingestellt. Bis dahin waren (laut einem Telegramm des deutschen Gesandten und ReichsbevollmĂ€chtigten Edmund Veesenmayer vom 11. Juli) vom 27. April 1944 bis zum 11. Juli 1944 437.402 Juden deportiert worden.cite-ref-33[33]cite-ref-34[34]
Anfang Oktober 1944 ĂŒberschritt die Rote Armee die ungarische Grenze, begann den Kampf um Ungarn und besetzte den Osten Ungarns. Am 15. Oktober wurde Horthy durch das âUnternehmen Panzerfaustâ gestĂŒrzt und die Macht an die faschistische Bewegung der Pfeilkreuzler von Ferenc SzĂĄlasi ĂŒbergeben, die die Deportation der Juden wieder aufnahm. Im Budapester Ghetto und auf den TodesmĂ€rschen â das Eisenbahnnetz war zusammengebrochen â starben im November tausende Juden.
Budapest, das ab dem 3. April 1944 mehrmals Ziel angloamerikanischer Bombenangriffe war, wurde Ende Dezember 1944 von sowjetischen StreitkrĂ€ften eingeschlossen. In der bis Anfang Februar 1945 andauernden Schlacht um Budapest wurden weite Teile der Hauptstadt zerstört. Die eingeschlossenen deutschen und ungarischen Truppen sprengten die bei ihrem RĂŒckzug auf die Budaer Seite des Kessels u. a. sĂ€mtliche BrĂŒcken ĂŒber die Donau. Bei den KĂ€mpfen starben 38.000 Budapester Zivilisten. Das Budapester Ghetto wurde am 18. Januar 1945 von der Roten Armee befreit. Die letzten Kampfhandlungen auf ungarischem Staatsgebiet endeten am 4. April 1945. Einige ungarische Einheiten kĂ€mpften noch bis Anfang Mai in Ăsterreich und Bayern weiter.
Siehe auch: Schuhe am Donauufer
Ungarische Volksrepublik (1949â1989)
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Hauptartikel
:
Volksrepublik Ungarn
ZunĂ€chst sahen die Alliierten nach dem Krieg fĂŒr Ungarn eine demokratische Verfassung vor. 1945 wurde das uneingeschrĂ€nkte Wahlrecht wiederhergestellt.cite-ref-hanam123-28-1[28] Nachdem die Kommunisten bei der Parlamentswahl am 4. November 1945 eine empfindliche Niederlage erlitten hatten, begannen sie mit unsauberen Methoden nach der Macht zu greifen. Auch als die UnabhĂ€ngige Partei der Kleinlandwirte, der Landarbeiter und des BĂŒrgertums (FKgP) zerschlagen war, erhielt die Ungarische Kommunistische Partei (MKP) bei der Parlamentswahl am 31. August 1947 nur 22,3 % der Stimmen. Am 12. Juni 1948 wurde die Zwangsvereinigung von MKP und Sozialdemokratischer Partei zur âPartei der Ungarischen WerktĂ€tigenâ (ungarisch Magyar DolgozĂłk PĂĄrtja bzw. MDP) formell vollzogen (analog wie die Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED). Bald darauf wurden die anderen Parteien aufgelöst; bei der Parlamentsâwahlâ am 15. Mai 1949 war nur noch eine Partei â die MDP â zugelassen. 1948 wurde Ungarn dem Kommunismus nach sowjetischem Vorbild unterworfen.cite-ref-csilla430-35-0[35] Das gleiche Wahlrecht fĂŒr beide Geschlechter wurde zu einem formalen Recht degradiert.cite-ref-csilla430-35-1[35] Am 20. August 1949 wurde eine Verfassung nach sowjetischem Vorbild beschlossen.cite-ref-36[36] Von 1948 bis 1953 praktizierten die ungarischen Kommunisten unter MĂĄtyĂĄs RĂĄkosi einen stalinistischen Kurs.
Bis 1953 wurden mehrere Schau- und Geheimprozesse veranstaltet, z. B. gegen Kardinal JĂłzsef Mindszenty, Paul EsterhĂĄzy und LĂĄszlĂł Rajk. Die ungarische politische Polizei ĂllamvĂ©delmi HatĂłsĂĄg (ĂVH) begann 1945 politische Gegner zu verfolgen. Sie wurde (auch und besonders in den Reihen der Kommunisten) gefĂŒrchtet. FĂŒr die Verhaftung von LĂĄszlĂł Rajk war JĂĄnos KĂĄdĂĄr verantwortlich. 1951 wurde auch KĂĄdĂĄr der UnterstĂŒtzung Titos angeklagt und verhaftet. Ein letzter Geheimprozess 1953 sollte die Ermordung des schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg durch zionistische Verschwörer âbeweisenâ; KĂĄroly SzabĂł wurde im April 1953 festgenommen und ein halbes Jahr inhaftiert.
Nach dem Tod des sowjetischn Diktators Josef Stalin (5. MĂ€rz 1953) begann im Juni 1953 unter MinisterprĂ€sident Imre Nagy eine Periode vorsichtiger Liberalisierung. Mit der Entmachtung Nagys 1955 durch die weitgehend unverĂ€ndert gebliebene Parteispitze ging eine Restauration einher. Die politische Lage blieb angespannt. Rajk wurde rehabilitiert und am 6. Oktober 1956 unter groĂer öffentlicher Anteilnahme feierlich beerdigt (NĂ€heres hier).
Am 23. Oktober 1956 begann ein Volksaufstand, in dessen Verlauf Imre Nagy erneut zum MinisterprĂ€sidenten ernannt wurde. Die sowjetische Armee schlug den Aufstand blutig nieder. Insgesamt fĂŒnf sowjetische Divisionen waren zwischen dem 1. November und 4. November daran beteiligt; als Besatzungsarmee verblieben etwa 100.000 sowjetische Soldaten in Ungarn. Imre Nagy wurde im Juni 1958 in einem Geheimprozess zum Tode verurteilt und am gleichen Tag gehĂ€ngt. Bis 1963 wurden ca. 400 Menschen, vorwiegend Arbeiter, als Vergeltung fĂŒr den Aufstand hingerichtet. Ăber 200.000 Ungarn verlieĂen nach dem niedergeschlagenen Volksaufstand ihr Land und emigrierten nach Westeuropa oder Nordamerika. JĂĄnos KĂĄdĂĄr war von 1956 bis zum Mai 1988 Partei- und Regierungschef (â Ăra KĂĄdĂĄr).
Nach 1956 verschlechterten sich die Beziehungen Ungarns zu den Vereinigten Staaten drastisch. Am 4. November 1956 verurteilte die auf Betreiben der USA einberufene Generalversammlung der Vereinten Nationen in der Resolution 1004 (ES-II) mit 50 gegen 8 Stimmen (Russische Sowjetrepublik, Ukrainische Sowjetrepublik, WeiĂrussische Sowjetrepublik, RumĂ€nien, Bulgarien, Tschechoslowakei, Polen, Albanien) bei 15 Enthaltungen (Afghanistan, Burma, Ceylon, Ăgypten, Finnland, Indien, Indonesien, Irak, Jordanien, Libyen, Nepal, Saudi-Arabien, Syrien, Jemen und Jugoslawien) die sowjetische Intervention in Ungarn.cite-ref-37[37] Ab 1960 liefen geheime Verhandlungen zwischen den USA und der KĂĄdĂĄr-Regierung in Ungarn, die in einem nicht schriftlich niedergelegten Abkommen am 20. Oktober 1962 mĂŒndeten. In dessen Folge erlieĂ die ungarische Regierung 1963 eine Generalamnestie fĂŒr die nach 1956 Verurteilten und die Vereinigten Staaten unternahmen im Gegenzug keine Anstrengungen mehr, die ungarische Frage vor die Vollversammlung der Vereinten Nationen zu bringen.cite-ref-38[38] Eine weitere Belastung des US-amerikanisch-ungarischen VerhĂ€ltnisses stellte der Fall JĂłzsef Mindszenty. Der Erzbischof und Kardinal war 1956 im Volksaufstand aus der Haft befreit worden und hatte sich in der Endphase des Aufstandes in die US-amerikanische Botschaft in Budapest geflĂŒchtet. Nach 15 Jahren in der Botschaft verlieĂ Mindszenty schlieĂlich auch auf DrĂ€ngen des Papstes die Botschaft und ging ins Exil. Ab den 1960er Jahren erfolgte eine vorsichtige innenpolitische Liberalisierung. Ab 1968 gab es Wirtschaftsreformen und die Zeit des Gulaschkommunismus begann. Im MĂ€rz 1973 kam es auch zu einem Abkommen ĂŒber bislang strittige Vermögensfragen; in den folgenden Jahren bediente Ungarn alte Kreditforderungen aus den Nachkriegsjahren 1921/22 und zahlte EntschĂ€digungen fĂŒr 1947/48 verstaatlichtes amerikanisches Eigentum.cite-ref-fata-39-0[39]
Zu einem Streitpunkt von tiefergehendem Symbolwert entwickelte sich die Frage der RĂŒckgabe der ungarischen Kroninsignien, einschlieĂlich der Stephanskrone, des jahrhundertelangen Staatssymbols Ungarns, die 1945 nach Kriegsende in amerikanische HĂ€nde geraten waren. Die USA standen insbesondere nach 1956 auf dem Standpunkt und wurden darin auch von exil-ungarischen VerbĂ€nden bestĂ€rkt, dass die RĂŒckgabe nur an ein freies Ungarn erfolgen könne. Angesichts der zunehmenden innenpolitischen Entspannung in Ungarn und der aus Sicht der USA ĂŒberwiegend konstruktiven AuĂenpolitik der KĂĄdĂĄr-Regierung gab die Regierung Carter 1977 die Kroninsignien zurĂŒck.
1988 setzte der friedliche Systemwechsel mit der Bildung erster Oppositionsgruppen ein. Am 27. Mai 1988 gab KĂĄdĂĄr aus Alters- und GesundheitsgrĂŒnden sowie angesichts wachsender ökonomischer Schwierigkeiten Ungarns sein Amt als GeneralsekretĂ€r der KP auf. KĂĄroly GrĂłsz (1930â1996) wurde sein Nachfolger. Zum 1. Januar 1988 wurde den Ungarn Reisefreiheit auch ins westliche Ausland gewĂ€hrt. In der KP ĂŒbernahmen Ende 1988 Wirtschaftsreformer die Macht; MiklĂłs NĂ©meth wurde am 24. November 1988 MinisterprĂ€sident (dieses Amt hatte seit dem 25. Juni 1987 GrĂłsz bekleidet).
NĂ©meth strich â eine seiner ersten Amtshandlungen â die Etatposten âInstandhaltung des Signalsystemsâ an der Grenze zu Ăsterreich. Ungarn hatte damals Auslandsschulden in Höhe von etwa 17 Milliarden US-Dollar. Am 6. Juli 1989 wurde Imre Nagy rehabilitiert und am 23. Oktober 1989 die dritte Ungarische Republik ausgerufen.
Am 2. Mai 1989 begann Ungarn die Grenzanlagen zu Ăsterreich abzubauen. Ein Faktor dafĂŒr waren wohl KostengrĂŒnde; die fĂ€llige Reparatur des baufĂ€lligen Grenzzauns war der ungarischen Regierung zu teuer.
Der Beitritt Ungarns zur Genfer FlĂŒchtlingskonvention wurde am 12. Juni 1989 wirksam. Ungarn konnte nun die Abschiebung von FlĂŒchtlingen in ihre HeimatlĂ€nder unter Verweis auf international bindende Vereinbarungen verweigern.cite-ref-40[40]
Am 27. Juni 1989 trafen sich die AuĂenminister von Ăsterreich (Alois Mock) und von Ungarn (Gyula Horn) am Grenzzaun und schnitten ihn symbolisch mit Bolzenschneidern durch.cite-ref-41[41] Am Plattensee und anderswo fĂŒllten sich in den folgenden Wochen CampingplĂ€tze; in Budapest fĂŒllten sich Parkanlagen und das BotschaftsgelĂ€nde der Bundesrepublik mit zehntausenden DDR-BĂŒrgern.
Die symbolische Ăffnung eines Grenztors zwischen Ăsterreich und Ungarn beim PaneuropĂ€ischen Picknick am 19. August 1989 galt und gilt als erste âoffizielleâ Ăffnung des Eisernen Vorhangs. Die Auswirkungen dieser zunĂ€chst von der Weltöffentlichkeit wenig beachteten MaĂnahme waren dramatisch und trugen entscheidend zum Fall des Eisernen Vorhangs, dem Fall der Mauer, dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dem Zerfall des Ostblocks und des Warschauer Pakts und zur Demokratisierung Osteuropas sowie zur deutschen Wiedervereinigung bei.
Am 25. MĂ€rz und 8. April 1990 fand in Ungarn die erste freie Parlamentswahl seit November 1945 statt.
Liberale Demokratie und westliche Integration (1989â2010)
Am 23. Oktober 1989 â dem Jahrestag des Ungarischen Volksaufstands â wurde vom amtierenden Staatsoberhaupt MĂĄtyĂĄs SzƱrös die Republik Ungarn als demokratische und parlamentarische Republik ausgerufen.cite-ref-42[42] Am 25. MĂ€rz 1990 fanden freie Wahlen statt (zweite Runde am 8. April), die das Ungarische Demokratische Forum (MDF) mit 24,72 Prozent der Stimmen gewann. Es bildete zusammen mit der UnabhĂ€ngigen Partei der Kleinen Landwirte (FKGP) und der Christlich-Demokratischen Volkspartei (KDNP) die Regierung. Der Vorsitzende des MDF, JĂłzsef Antall, wurde am 23. Mai 1990 zum MinisterprĂ€sidenten gewĂ€hlt. Das vorrangige Ziel der Regierungspolitik bestand in der EinfĂŒhrung der Marktwirtschaft sowie der Integration Ungarns in die EuropĂ€ische Union. Ein erster Schritt war am 26. Juni 1990 der Beschluss, aus dem Warschauer Pakt auszutreten. Das Parlament wĂ€hlte am 3. August ĂrpĂĄd Göncz zum StaatsprĂ€sidenten. Aufgrund einer Vereinbarung von 1990 verlieĂen die 50.000 stationierten Soldaten der sowjetischen Armee bis Ende 1991 das Land. Am 8. Februar 1994 wurde das Land Mitglied in der Partnerschaft fĂŒr den Frieden, im April wurde der Antrag auf Mitgliedschaft in der EuropĂ€ischen Union gestellt.
Die Parlamentswahl am 8. Mai 1994 gewann die Ungarische Sozialistische Partei (MSZP) mit 53 Prozent der Stimmen. Sie bildete zusammen mit den Freien Demokraten (SZDSZ) die Regierung. Neuer MinisterprÀsident wurde Gyula Horn. Am 19. MÀrz 1995 wurde der slowakisch-ungarische und am 16. September 1996 der ungarisch-rumÀnische Grundlagenvertrag unterzeichnet. Die Beitrittsverhandlungen mit der EuropÀischen Union begannen am 31. MÀrz 1998, im gleichen Jahr wurde auch ein Antrag auf Mitgliedschaft in der NATO gestellt.
Am 10. Mai 1998 fanden Parlamentswahlen statt, die ein BĂŒndnis aus dem Bund Junger Demokraten (FIDESZ) und der Ungarischen BĂŒrgerlichen Partei (MPP) mit 38,3 Prozent der Stimmen gewann. Dieses BĂŒndnis bildete zusammen mit der UnabhĂ€ngigen Partei der Landwirte (FKGP) und dem Ungarischen Demokratischen Forum (MDF) eine Koalition. MinisterprĂ€sident wurde der Vorsitzende des FIDESZ, Viktor OrbĂĄn. Am 12. MĂ€rz 1999 wurde Ungarn Mitglied der NATO. 2000 wurde Ferenc MĂĄdl zum StaatsprĂ€sidenten gewĂ€hlt.
Die Parlamentswahl am 7. April 2002 gewann mit 41,5 Prozent der Stimmen die Ungarische Sozialistische Partei (MSZP). Sie bildete zusammen mit den Freien Demokraten (SZDSZ) eine Regierung, der parteilose PĂ©ter Medgyessy wurde neuer MinisterprĂ€sident. Am 12. April 2003 fand eine Volksabstimmung ĂŒber den Beitritt Ungarns zur EuropĂ€ischen Union statt, 83,8 Prozent der WĂ€hler stimmten dafĂŒr. Am 16. April 2003 wurden die VertrĂ€ge ĂŒber den Beitritt unterzeichnet, seit dem 1. Mai 2004 ist Ungarn im Zuge der EU-Osterweiterung Mitglied der EuropĂ€ischen Union. Bei der PrĂ€sidentschaftswahl am 6. und 7. Juni 2005 setzte sich der ehemalige PrĂ€sident des Ungarischen Verfassungsgerichtes LĂĄszlĂł SĂłlyom gegen die ParlamentsprĂ€sidentin Katalin Szili im dritten Wahlgang mit 185 zu 182 Stimmen durch. Seine AmtseinfĂŒhrung fand am 5. August statt.
In Ungarn ist es bis 2006 bei jeder Parlamentswahl zu einem Sieg der Opposition und somit zu einem Regierungswechsel gekommen. Erst bei den Wahlen im April 2006 wurde eine amtierende Regierung wiedergewÀhlt.
Die MinisterprÀsidenten seit 1990:
âą 1990â1993 JĂłzsef Antall, MDF (im Amt gestorben)
âą 1993â1994 PĂ©ter Boross, MDF
âą 1994â1998 Gyula Horn, MSZP
âą 1998â2002 Viktor OrbĂĄn, FIDESZ
âą 2002â2004 PĂ©ter Medgyessy, MSZP (zurĂŒckgetreten)
âą 2004â2009 Ferenc GyurcsĂĄny, MSZP
âą 2009â2010 Gordon Bajnai, aufgestellt von der MSZP
âą seit 2010 Viktor OrbĂĄn, FIDESZ
âIlliberaler Staatâ unter Viktor OrbĂĄn (seit 2010)
Bei der Parlamentswahl am 11. und 25. April 2010 erhielt OrbĂĄns nationalkonservatives WahlbĂŒndnis Fidesz-KDNP 52,73 Prozent der Stimmen; die Fraktionsgemeinschaft beider Parteien hatte 263 der 386 Mandate im ungarischen Parlament und damit eine fĂŒr VerfassungsĂ€nderungen notwendige Zweidrittelmehrheit. Die MSZP (Sozialisten) erhielten 19,3 Prozent der Stimmen und 59 Mandate; die rechtsextremistische Jobbik erhielt 16,67 Prozent der Stimmen und 47 Mandate. Mit einem Achtungserfolg und 17 Mandataren zog die erst 2009 gegrĂŒndete grĂŒn-liberale LMP ins Parlament ein und bildete dort die kleinste Fraktion. Die beiden gemĂ€Ăigten GroĂparteien der Wendezeit, der linksliberalen SzDSz und die bĂŒrgerliche MDF, scheiterten an der 5-Prozent-HĂŒrde; dies begĂŒnstigte den Erdrutschsieg des Fidesz.cite-ref-43[43]
Im Parlament hatte das Ergebnis der Wahlen eine Machtverschiebung zu den rechtsgerichteten Parteien zur Folge, etwa 70 % der WĂ€hler hatten fĂŒr rechte oder rechtsextreme Parteien gestimmt. Viktor OrbĂĄn konnte angesichts eines Ăbergewichts von 80 Prozent der rechten und extrem rechten KrĂ€fte an Mandaten im Parlament und einer âerfolgreichen Revolution an den Wahlurnenâ seine Gedanken eines ĂŒber die Schaffung eines âzentralen politischen KrĂ€ftefeldesâ im Gewand des siegreichen Fidesz zĂŒgig verwirklichen.cite-ref-44[44] Gleich zu Beginn seiner Amtszeit lieĂ OrbĂĄn ein neues restriktives Mediengesetz ausarbeiten, welches den Regierenden erlaubt, Journalisten streng zu bestrafen, wenn sie nicht â wie es u. a. im Gesetzestext heiĂt â âausgewogene, relevante und objektive Informationenâ ĂŒber die ungarische Regierungspolitik veröffentlichen. Die Beurteilung der Inhalten obliegt dabei dem Medienrat, der Teil der von der OrbĂĄn-Regierung neugeschaffenen Medienbehörde NMHH ist.cite-ref-45[45] Mit dem Mediengesetz legte OrbĂĄn laut der österreichischen Journalisten Roland Androwitzer und Ernst Gelegs die Basis dafĂŒr, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk unter die totale Kontrolle der Regierung zu bringen. Der MinisterprĂ€sident fusionierte die Fernsehsender M1, M2 und Duna-TV sowie die drei ĂŒberregionalen Radiosender Petöfi, Kossuth und BartĂłk und auch noch die ungarische Nachrichtenagentur MTI unter einem Dach namens MTVA. Rund 1.000 Angestellte wurden gekĂŒndigt und Nachrichtenredaktionen zu einer âSuperredaktionâ zusammengelegt. Somit gibt es nur noch eine Redaktion, die fĂŒr alle Sender produziert. Dadurch wĂŒrden Meinungsvielfalt und Pluralismus im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht mehr existieren, so Androwitzer und Gelegs.cite-ref-46[46]
Ăkonomisch setzte die neue OrbĂĄn-Regierung auf eine sogenannte âunorthodoxe Wirtschaftspolitikâ, die sich vor allem gegen auslĂ€ndische GroĂkonzerne richtet. Die VorgĂ€ngerregierung aus Sozialisten und Linksliberalen konnte eine Staatspleite mit einem 20-Milliarden-Kredit des Internationalen WĂ€hrungsfonds (IWF) zwar verhindern, aber die makroökonomischen Daten Ungarns waren schlecht. Die Gesamtverschuldung belief sich auf 80 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, das Haushaltsdefizit betrug Ende 2009 mehr als vier Prozent, die Wirtschaftsleistung ging stark zurĂŒck und die Arbeitslosenquote stieg rapide. Die erste MaĂnahme des neuen MinisterprĂ€sidenten, eine Bankensteuer mit 0,45 % der Bilanzsumme, erfolgte bereits zwei Monate nach seinem Amtsantritt. Im Herbst 2010 kamen drei weitere Branchen zur Besteuerung hinzu: Energiekonzerne, Telekommunikationsunternehmen und Supermarktketten. Diese drei Branchen sind mehrheitlich in auslĂ€ndischen HĂ€nden.cite-ref-47[47] Die nationalkonservative Regierung griff auch zu typisch sozialistischen Wirtschaftsinstrumenten der Zentralisierung und Verstaatlichung. Den UniversitĂ€ten, Schulen und KrankenhĂ€usern wurde die Autonomie genommen.cite-ref-48[48]
Am 7. Februar 2011 erklĂ€rte Viktor OrbĂĄn in einer Rede zur Lage der Nation, dass Ungarn eine neue Verfassung brauche, da die aktuelle nicht die Verfassung Ungarns, sondern nach sowjetischem Muster ausgearbeitet worden sei. TatsĂ€chlich war das alte Grundgesetz Ungarns 1949 nach sowjetischem Vorbild verfasst worden, jedoch kam es nach der Wende 1989 zu einer umfassenden VerfassungsĂ€nderung, in der sich Ungarn als parlamentarische Demokratie und Rechtsstaat nach westlichem Vorbild definierte. Das nun von der nationalkonservativen Regierung ausgearbeitete Grundgesetz wurde in neun Tagen, ohne vorherige nationale und gesellschaftliche, politische und juristische Diskussion durch das Parlament gebracht und trat am 1. Januar 2012 offiziell in Kraft.cite-ref-49[49] Die PrĂ€ambel des neuen Grundgesetzes sollte mit ihrem ânationalen Glaubensbekenntnisâ und dem Konzept der heiligen ungarischen Stephanskrone die Vollendung des Wandels absegnen.cite-ref-50[50] In der Verfassung wurde das ethnische VerstĂ€ndnis der Nation verkĂŒndet und die âungarische Nationâ als christliche Gemeinschaft definiert. Die Stephanskrone gilt als TrĂ€gerin der ungarischen SouverĂ€nitĂ€t und heiliges Symbol, deren Beleidigung mit Strafen geahndet wird. Die âFamilieâ wird als Grundlage der âungarischen Nationâ bezeichnet und ganz klar als Zusammenleben von Mann, Frau und Kind definiert.cite-ref-51[51]
Bei der Parlamentswahl im April 2014 gewann OrbĂĄns nationalkonservative Fidesz-Partei mit knapp 45 Prozent erneut klar die Wahlen. Allerdings hatte die Partei verglichen mit der Wahl im Jahr 2010 rund 600.000 Stimmen, also fast ein Viertel ihrer WĂ€hler, verloren. Dennoch erreichte der Fidesz auch dank eines neuen Mehrheitswahlrechts eine Zweidrittel-Mehrheit im Parlament,cite-ref-52[52] welche aber durch die Ergebnisse einer Nachwahl wieder verloren ging.cite-ref-53[53]cite-ref-54[54] Nach dem erneuten Wahlsieg erteilte OrbĂĄn Ende Juli 2014 in einer Rede im rumĂ€nischen SiebenbĂŒrgen der liberalen Demokratie eine totale Absage und kĂŒndigte den Aufbau eines âilliberalen Staatesâ nach dem Vorbild Russlands, der TĂŒrkei und Chinas an.cite-ref-55[55] Bei der Parlamentswahl 2018 und 2022 erreichte OrbĂĄns Fidesz-Partei jeweils eine Zweidrittelmehrheit im Parlament.cite-ref-56[56]
Im Oktober 2024 ĂŒberholte die oppositionelle Tisztelet Ă©s SzabadsĂĄg PĂĄrt (Tisza) unter PĂ©ter Magyar als erste Partei OrbĂĄns Fidesz nach 18 Jahren knapp in zwei Wahlumfragen. In beiden wurde Fidesz nur noch zweitstĂ€rkste Kraft mit 37 % der Stimmen, Tisza erreichte 39 %.cite-ref-57[57] Am 1. Januar 2025 forderte Magyar als OppositionsfĂŒhrer vorgezogene Neuwahlen.cite-ref-58[58]
Siehe auch
Literatur
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⹠Istvan György Toth (Hrsg.): Geschichte Ungarns. Corvina, Budapest 2005, ISBN 963-13-5268-4.
Weblinks
Commons
: Geschichte Ungarns
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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Einzelnachweise
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cite-note-66. â Holger Fischer: Eine kleine Geschichte Ungarns. Edition Suhrkamp, 1999, S. 19.
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cite-note-4949. â Roland Androwitzer, Ernst Gelegs: Schöne GrĂŒĂe aus dem OrbĂĄn-Land. Die rechte Revolution in Ungarn. Styria, Wien / Graz / Klagenfurt 2013, S. 145â147; Paul Lendvai: OrbĂĄns Ungarn. Kremayr und Schleriau, Wien 2016, S. 112.
cite-note-5050. â Magdalena Marsovszky: "Erfindung und Okkultisierung des Magyarentums, der heilige Gral und die heilige ungarische Krone. Völkische Esoterik in Ungarn als Gegenkultur und Modernisierungsabwehr" Springer, Wiesbaden 2025, S. 288â292.
cite-note-5151. â Roland Androwitzer, Ernst Gelegs: Schöne GrĂŒĂe aus dem OrbĂĄn-Land. Die rechte Revolution in Ungarn. Styria, Wien / Graz / Klagenfurt 2013, S. 150; Paul Lendvai: OrbĂĄns Ungarn. Kremayr und Schleriau, Wien 2016, S. 112 f.
cite-note-5252. â Paul Lendvai: OrbĂĄns Ungarn. Kremayr und Schleriau, Wien 2016, S. 141 u. 142 ff.
cite-note-5353. â Nachwahl in Ungarn: OrbĂĄn-Partei verliert Zweidrittelmehrheit, Spiegel Online vom 22. Februar 2015
cite-note-5454. â FAZ.net vom 23. Februar 2015: Risse im Block
cite-note-5555. â Paul Lendvai: OrbĂĄns Ungarn. Kremayr und Schleriau, Wien 2016, S. 154.
cite-note-5656. â ORSZĂGGYưLĂSI KĂPVISELĆK VĂLASZTĂSA 2022. ĂĄprilis 3. (dtsch. Wahl der Abgeordneten der Nationalversammlung 3. April 2022). In: vtr.valasztas.hu. 3. April 2022, abgerufen am 6. Mai 2025 (ungarisch).
cite-note-5757. â Meret Baumann: Der politische Newcomer Peter Magyar treibt Ungarns Regierung vor sich her â fĂŒr Viktor Orban wird es ungemĂŒtlich. Neue ZĂŒrcher Zeitung, 25. Oktober 2024. Abruf am 4. Januar 2025
cite-note-5858. â âĂrmstes, korruptestes Landâ: OppositionsfĂŒhrer rechnet in Neujahrs-Video mit OrbĂĄn ab. Focus Online, Abruf am 4. Januar 2024